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Innensicht eines Zweiflers

Im Frühjahr war ich zu Gast bei einem großen Jugendgottesdienst, wo ich auftreten sollte. Als kleine Vorstellungsrunde, sollten alle Beteiligten der Veranstaltung auf die Bühne kommen und dem Moderator die Frage beantworten, mit welchem der zwöf Jünger wir uns am ehesten identifizieren könnten. Ich war als letztes dran. Und natürlich waren so die naheliegenden Figuren, wie Petrus, Johannes, Matthäus, Jakobus,…leider schon besetzt. Hätte ich natürlich trotzdem sagen können. Ich fand aber irgendwie, dass Doppelnennungen geschummelt wären.

Also habe ich mich kurzerhand für Thomas entschieden. Irgendwie kommt der ja sowieso immer schlecht weg bei sowas. Eigentlich echt ein bisschen unfair immer nur auf seinen Zweifel reduziert zu werden. Und andererseits finde ich auch grade das an ihm so sympathisch. Ich mag Menschen, die sich trauen zuzugeben, dass sie da manchmal etwas nicht ganz mitkommen. Die ihre Skepsis verbalisieren. Ich glaube Zweifel sind mitunter gesund und heilsam und gehören unbedingt zum Glauben und zum Leben dazu. Meiner Ansicht nach bedeutet mündig zu glauben auch Spannungen, Zweifel und Paradoxa auszuhalten. Glauben ist eine Hoffnung, eine Zuversicht, ein Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht (nach Hebräer 11,1). Aber Glauben heißt trotzdem nicht Wissen. Und ich finde, darin liegt Freiheit. 

Und weil ich Thomas an der Stelle so interessant finde, habe ich mir vorgestellt, was wohl so in ihm vorgegangen sein muss, als ihn alle seine Freunde völlig euphorisiert mit diesen Wunderberichten überfielen und sich wunderten, warum er nicht mit in die Party einsteigt. Wie gut ich das nachempfinden kann. Thomas, ey, danke, dass du dich getraut hast zu sagen, dass dir das zu schnell geht, dass du das nicht so ganz kapierst und dass du das erstmal für dich klar bekommen musst.   

Hier ein Versuch diese Innensicht von Thomas abzubilden: 

Selbstgespräch

Ich bin nicht dabei gewesen.
Hör’ nur die anderen drüber reden.
Sie hätten ihn genau gesehen.
Und klar, ausgerechnet an dem Tag,
als ich das eine Mal
nicht bei ihnen war.

Von Trauer übermannt,
in Wunschdenken verrannt,
zuletzt stirbt die Hoffnung,
doch sie starb mit dem Mann,
blutete sich aus an dem Stamm,
wer dort hängt ist verdammt,
und jeder Glaube an Wunder
liegt nun vor sich hin verwesend
in der Gruft von irgendeinem reichen Mann.

Drei Jahre meines Lebens verschwendet.
Drei Jahre für Tagträume verwendet,
die jetzt kollabieren, wie die Wände
dieses Hauses aus seinem Gleichnis mit dem Haus auf Sand.
Oh, wie wenig, ich manchmal von seinen Geschichten verstand.

Drei Jahre weg von zuhause.
Drei Jahre stets unterwegs.
Mitunter hautnah miterlebt,
dass die Blinden wieder sehen
und sogar Tote auferstehen.

Jedes kleine bisschen Hoffnungen auf ihn
und auf sein Reich, das kommen soll, gesetzt.
Aber was ist jetzt?
Vielleicht hatten die ja sogar Recht,
als sie spottend schrieen,
dass er andere gerettet hat,
aber warum nicht sich selbst?

Und vermutlich spielte tiefe Trauer meinen Freunden tückische Streiche.
Denn wie sollte eine gekreuzigte Leiche,
jemals alleine aus einer schwer bewachten Gruft entweichen?
Als würde eure Fata Morgana irgendwas beweisen.

Und selbst wenn, was bringt das schon?
Trugen doch die Feinde offensichtlich hier den Sieg davon.

Mich überzeugen keine wohl gemeinten warmen Worten,
keine aufgedrehten Euphorie,
wenn ich ihn nicht seh’ und selbst betaste,
zerstreuen sich meine Zweifel nie.

Die Zeilen basieren auf der Episode, die im Johannes Evangelium 20, 24-26 beschrieben wird. 

 

Zum Nach- und Weiterdenken empfehle ich die wundervolle Predigt von Christina Brudereck über Thomas. 

 

Das Gedicht ist ursprünglich in der Zeitschrift "STEPS" erschienen. 

 

Wer Lust hat ein bisschen tiefer in diese und ähnliche Gedanken einzutauchen, dem empfehle ich sehr die aktuelle HOSSA TALK Folge mit Jürgen Mette

 

 

Bild Nachweis: Von Michelangelo Merisi da Caravaggio - artrenewal.org picture n°3757, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2672316