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Von Feuertauben und Aha-Erlebnissen

Ich komme im Moment schon ganz schön viel rum. Ich sehe viele Ecken und Orte in Deutschland, wo ich vorher noch nie war. Ich lerne Menschen kennen, die mich inspirieren und deren Bekanntschaft mich bereichert. Und ich lerne verschiedene Kirchen und Gemeinden kennen und damit auch recht unterschiedliche Arten zu glauben, Gott zu begegnen, über ihn zu reden und dabei auch ganz spannende Formen und Ausdrucksweisen für sogenannte Gottesdienste. Ich merke, dass mich das bereichert und dass es meinen Blick weitet. Und ich hoffe, dass es mich davor bewahrt jemals in die Falle zu tappen, zu denken, dass mein Glaube und wie ich ihn praktiziere besser oder richtiger wäre als der von anderen. 

Das klingt vielleicht sehr idealistisch und romantisch, aber wenn ich so darüber nachdenke, stelle ich fest, dass ich überall etwas lernen und mitnehmen kann. Ich war allein in diesem Jahr bei Veranstaltungen der Katholischen Kirche und der Evangelischen Kirche, bei Events von Brüdergemeinden und Jesus Freaks, in stylischen ICF Gottesdiensten und bei kleinen Wohnzimmergigs. Bei Worship Nights und politischeren Events. Bei Poetry Slams und beim Open Doors Jugendtag, beim Vernetzungstreffen der Micha Initiative und den B.A.S.E Jugendgottesdiensten. Ich bin mir sehr bewusst, dass das so nicht selbstverständlich ist. Und ich bin wirklich sehr dankbar dafür.

Und dabei gehts überhaupt nicht drum hier irgendwelche tollen Events auszuzählen, sondern vielmehr darum aufzuzeigen, welche Bandbreite ich in diesem Jahr erleben durfte und wie sehr ich mich dadurch bereichert fühle. Ich stelle fest, dass mein eigener Tellerrand mitunter oft ganz schnell erreicht ist. Und wie sich durch diese vielen Facetten, Begegnungen und Erlebnisse so manches Aha-Erlebnis eingestellt hat. 

Ich empfinde es oft so, dass gerade im sogenannten evangelikalen Umfeld (zu dem ich ja auch gehöre) oft mehr oder weniger bewusst ein Denken herrscht, dass so ungefähr ausdrückt, dass die erste Gemeinde in der Apostelgeschichte ganz und gar großartig war, dann aber leider alles schief gegangen ist, dann gab es nochmal kurz Augustinus, dann ein riesiges, schwarzes Jahrhunderte langes Loch und erst mit der Reformation wird wieder an die eigentliche Geschichte angeknüpf, an deren Ende dann wir stehen (und die meisten anderen nicht). Bisschen übertrieben. Aber auch ein bisschen wahr, oder? 

Und natürlich sind Dinge schief gelaufen und ich bin für vieles dankbar, was die Reformatoren begonnen haben. Aber gleichzeitig habe ich den Eindruck, haben wir uns auch ein Stück weit der eigenen Geschichte beraubt und einem Schatz an Vorbildern, Lyrik, Weisheit und Literatur, die wir in unseren Breitengraden gar nicht mehr auf dem Schirm haben. 

Gerade, was das Thema Kunst angeht, die irgendwie auch Glauebnsthemen transportiert, ist unser Sichtfeld da meiner Ansicht nach doch recht schmal. Neu aufgefallen ist mir das, als ich im Frühjahr als Workshop Referent zu einem Studientag eingeladen war. Der (katholische) Hauptredner zitierte in seinem Vortrag zum Thema Lyrik und Spiritualität, die mir bis dahin unbekannte Silja Walter.

Angetan von diesen schönen Zeilen, habe ich mir ihren Lyrikband „Die Feuertaube“ gekauft und den Sommer über gelesen. Ich möchte euch gerne eins ihrer Gedichte zeigen. Einfach als Beispiel für einen besondern Aha Moment, den ich dieses Jahr hatte und für eine Künstlerin, von der ich froh bin, dass sie jemand in mein Sichtfeld gerückt hat: 

Nach der Wandlung

Anbeten
nur noch anbeten
nichts mehr sonst
gewiß
meine Anbetungsgebete
sind mir aber alle entwichen

Ich ließ aus Versehen
den Käfig
offen stehen
da waren sie weg
und flatterten
schon
übers Dach

Bloß einen Augenblick
legte ich mein Gesicht
in dich
ich versichere dir
einen Augenblick
bloß

Sie sangen noch
überm Haus
und beteten etwas
zurück
dann waren sie weg

was willst du
geschehen ist geschehen
vielleicht
fängt sie einer
im Netz
überm Fluß
laß sie
jetzt stört uns doch endlich
nichts mehr
von Ewigkeit
zu Ewigkeit
Amen
— Silja Walter - Die Feuertaube

Hier ist der Link zu diesem wunderschönen Gedichtband: Silja Walter, die Feuertaube