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Am Anfang war das Wort Teil 2

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser.  Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.
— Die Bibel, Genesis 1,1-2
Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.  Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.  In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen…. 

Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.
— Die Bibel, Johannes 1,1-4;14

Stell dir mal nichts vor. Einfach gar nichts. Überhaupt nichts. Nichts. Also nicht nur Dunkelheit oder Leere oder die Kombination aus beidem, sondern sogar die Abwesenheit von ihnen. Nichts. 

Und in dieses Nichts hinein spricht eine Stimme. Sie spricht Worte. Worte mit schöpferischer Kraft. Worte, die kreieren. Worte, die lebendig machen. Worte, die Welten entstehen lassen. Worte. 

Als ein Mensch, der sehr fasziniert von Worten und Sprache ist, finde ich diese Tatsache überaus faszinierend. Scheinbar entsteht alles durch gesprochenes Wort. Ein Hoch auf Spoken Word. 

Ich mag die poetische Sprache des biblischen Schöpfungsberichts. Und frage mich gleichzeitig, wie diese Worte wohl geklungen haben. Wie ein Gedicht? Wie ein Lied? Mich wundert es jedenfalls nicht sehr, dass zwei meiner absoluten Liebslingsautoren diesen Schöpfungsakt ihrerseits als eine Art Lied dargestellt haben:  

Der Löwe schritt auf und ab und sang dabei sein neues Lied. Es war leiser und beschwingter als jenes, mit dem er Sterne und Sonne ins Leben gerufen hatte - sozusagen eine sanft dahinplätschernde Klangfolge. Während er singend unterschritt, begann im Tal das Gras zu grünen. Um den Löwen herum fing es an; dann breitete es sich ringsumher aus wie ein überquellender Teich; wie in Wogen wuchs es an den Hängen empor, es kroch auf die Berge in der Ferne und legte etwas Sanftes über diese junge Welt. Raschelnd strich der sanfte Wind durch die Halme. Kurz darauf begann alles mögliche zu wachsen.
— C.S. Lewis, Das Wunder von Narnia
Eru war da, der Eine, der in Arda Ilúvatar heißt; und er schuf erstens die Ainur, die Heiligen, Sprösslinge seiner Gedanken; und sie waren bei ihm, bevor irgend andres erschaffen war. Und er sprach zu ihnen, sie Melodien lehrend, und sie sangen vor ihm, und er war froh. Lange aber sangen sie nur jeder für sich allein oder zu wenigen, während die andren lauschten, denn ein jeder verstand von Ilúvatars Gedanken nur jenen, aus dem er selber stammte, und nur langsam lernten sie auch ihre Brüder verstehen. Doch indem sie hörten, verstanden sie besser, und es wuchsen Einklang und Harmonie.

Und es geschah, dass Ilúvatar die Ainur alle zusammenrief und sie eine gewaltige Melodie lehrte, die größere und herrlichere Dinge auftat, als er ihnen je gezeigt hatte; und der Glanz ihres Anfangs und die Pracht ihres Endes verwirrten die Ainur, so dass sie sich vor Ilúvatar verneigten und still waren.

Da sagte Ilúvatar zu ihnen: “Aus dem Thema, das ich euch gewiesen, machet nun in Harmonie gemeinsam eine Große Musik. Und weil ich euch mit der Unverlöschlichen Flamme angefacht habe, so zeiget eure Kräfte und führet mir dies Thema aus, ein jeder nach seiner Art und Kunst, wie’s ihm beliebt. Ich aber will sitzen und lauschen und froh sein, dass durch euch solche Schönheit zum Liede erwacht.
— J.R.R. Tolkien, Das Silmarillion

Und spannend wird's dann auch, wenn es im Neuen Testament heißt, dass dieses Wort sogar mehr ist. Das Wort, das nicht nur am Anfang, sondern im Anfang war. 

All diese Gedanken habe ich versucht in einem kleinen Gedicht zu verarbeiten: 

 

PROLOG
 
Die Stimme sprach.
Am Anfang, 
als noch nichts anderes da war, 
Gesprochene Worte markieren den Anfang aller Tage.
Durch Worte
entstehen
lebende Wesen,
entsteht Leben, 
wo vorher nichts gewesen
war. 
Und ich hab mich oft gefragt, 
w i e
diese Worte wohl geklungen haben? 
 
Vielleicht wie der Anfang
des allerschönsten Gedichts,
als der Dichter spricht: 
„Es werde Licht!“ 
 
Ist dieses Wort möglicherweise mehr als schöne Sprache,
obwohl es kommuniziert?
Mehr als Buchstabenketten
die weiße Seitenhälse zieren?
Mehr als gemalte Zeichen,
kunstvoll kopierte Kaligraphie
und auch mehr als ausgetüftelte Töne
die genüsslich in Gehöreingänge ziehen? 
 
So dass der, der das Wort spricht
auch selbst das Wort ist
und dieses Wort sich
nun wie selbstverständlich verstofflicht, 
im wahrsten Sinne des Wortes
Gewicht
und sogar ein Gesicht
bekommt. 
 
Wie Worte Wesen werden
leuchtet mir nicht gänzlich ein.
Und doch scheint das der Punkt zu sein:
Inkarnation des Wortes, um
zu Leuchten in der Dunkelheit
 

Worte haben aber ja erfahrungsgemäß nicht nur das Potenzial zu erschaffen, sondern durchaus auch kaputt zu machen, zu verletzten und zu zerstören. Dazu werde ich im nächsten Blogbeitrag ein paar Gedanken teilen. 

So und zum Abschluss, hier noch mein Soundtrack der Woche. Ich schätze man hört ein bisschen, dass ich im Kino war :)